Der
„Anklamer
Münzschatz“ -
bedeutendster archäologischer Fund in Pommern
aus der Zeit des Dreißigjährigen KriegesAxel
Grune a. G., Angelika Popp, Grabungsleiterin
>>>
ausführliche Artikel zum Download >>>
Pressefoto
„Gut
verstecktes
Diebesgut“ titelte die Frankfurter Allgemeine
Zeitung am 14. Mai 2009 über den sensationellen
„Anklamer Münzschatz“, der
eigentlich besser „Schatzfund“ heißen
müsste. Es handelt sich nämlich nicht nur
um 2579 Münzen, sondern auch um eine Reihe von
Schmückstücken, Silberlöffeln
und Schmuckgegenständen wie Gewandapplikationen und
Anhängern für Zunftpokale.
Neben der FAZ war der Schatz Gegenstand breiter Berichterstattung in
allen
Medien.
Ergebnis zielgerichteter Stadt-Archäologie
Archäologie
ist die Suche nach
Spuren und Gegenständen früherer menschlicher
Kulturen. Der Suche nach diesen
Hinterlassenschaften dienen Ausgrabungen an kulturgeschichtlich
interessanten
Plätzen, weil im Erdboden häufig Überreste
über lange Zeiträume konserviert
blieben. Die Altstadt Anklams ist deshalb als Bodendenkmal im Sinne des
Denkmalschutzgesetzes geschützt. Bodenengriffe sind zwingend
mit einer
fachgerechten archäologischen Untersuchung verbunden.

Grabungssituation am benachbarten Fundort
161 (Pferdemarkt), 1994-98
Die Ausgrabung ist zwar die
bekannteste Forschungsmethode,
jedoch nur ein kleiner Teilbereich der
archäologischen Arbeit. Die
Dokumentation, Auswertung, Konservierung und Archivierung der Funde
stellt den
weitaus größten Teil der archäologischen
Tätigkeit dar.
Wie wurde der Schatz gefunden?
Am 06. März 1995 wurden auf
dem Grundstück Wollweberstraße
42, die Reste des spätgotischen Kellers (14./15. Jahrhundert)
eines etwa 10m
breiten und 16m langen Hauses ausgegraben. 
Beim Freilegen einer mit Bauschutt
verfüllten Wandnische in
der Ostmauer kam das Fragment eines Holzkästchens in
Form einer braunen, humosen
Verfärbung zum Vorschein. Dieses befand sich in einer,
nachträglich in eine
Feuerschutzwand gebrochene, Nische. Der Keller war mit Schutt
aufgefüllt.
Nachdem mehrere Feldsteine entfernt
waren, wurde der Hort
sichtbar. Zunächst etwa 20 Münzen, zwei
Silbelöffel und ein Federkielhalter.
Stück für Stück wurde ein riesiger
„Schatz“ freigelegt und geborgen. Das
Kästchen hatte eine Grundfläche von 45 x 20
Zentimetern und war noch in einer
Höhe von 10cm erhalten. Allerdings war es
ursprünglich höher, sonst hätten
nicht alle Teile des Schatzes darin Platz gefunden.
Was beinhaltet der Hortfund?
Neben den 2579 Münzen bilden
zwei reich verzierte
Silberlöffel eine Besonderheit des Fundes. Auf ihrer
Rückseite sind Namen ihrer
vermutlichen Besitzer eingraviert, von denen sich einer, Jasper Wulf,
sogar einordnen
ließ: Sein Name ist am 3. Dezember 1610 auf der Braurolle
eingetragen und weist
ihn als Mitglied der Anklamer Brauzunft aus. Auch sein Todestag
angegeben, der
12. April 1631.
Der gefundene Federkielhalter, war zu
jener Zeit ein
Bestandteil des Gürtelgehänges von Frauen. Das in
Anklam gefundene Stück weist
Spuren von Tinte auf, woraus ersichtlich wird, dass er
tatsächlich als
Federkielhalter und nicht, wie auch üblich, als Messerscheide
genutzt wurde.
Das Tragen eines solchen Utensils, sollte die
Geschäftstätigkeit seiner
(überwiegend weiblichen) Besitzerin anzeigen.
Vier Wappenschilde aus Silber, die
als Anhänger von Willkommpokalen
dienten, gehören ebenfalls zum Fund. Bei Zunftsitzungen und
Feiern im 17. /18.
Jahrhundert ging der gefüllte Willkommpokal von Hand zu Hand.
An manchen dieser
Gefäße haben Wandergesellen später eine
Münze, einen Münzabguss oder ein
Erinnerungstäfelchen mit ihrem Namen angebracht.
Unsere vier Silberanhänger
haben Blumenvasen als Zierelemente gemeinsam. Die weiteren Gravuren
variieren
stärker.
Neben
diesen Objekten sind die
gefundenen Utensilien der
zeitgenössischen Kleidung von besonderem Interesse. Vergoldete
Gürtelbleche und
-Verschlüsse, Buchstabenanhänger und
Textilbesätze waren Symbole für den
gesellschaftlichen Rang und Stand seiner Träger. Aber auch
diese Feststellung
macht die Antwort auf die Frage, wer den Schatz letztlich versteckte,
leider nicht einfacher.
Wem
gehört(e) der Schatz?
Die Frage nach dem Besitzer und
Verbringer des Schatzes ist
untrennbar mit der nach dem Alter des Schatzes verbunden. Zwei
weitere Befunde
geben uns weitere Hinweise: Zum Einen ist es die so genannte
„Schlussmünze“,
die jüngste Münze des Fundes. Sie trägt das
Prägedatum 1629. Der Fund, kann
folglich nicht vor dem Jahr 1629 versteckt worden sein. Die
älteste gefundene
Münze ist aus dem 13. Jahrhundert.
Ferner ist die Zerstörung
des Hauses im Jahre 1637 belegt.
Das ist die Zeit der wechselnden Besetzung und Zerstörung der
Stadt im
30-jährigen Krieg. Wohl bedingt durch die Kriegswirren bricht
in Anklam 1638
eine Seuche, „die Pest“ aus.
Der Umfang und Inhalt des Fundes
lässt nicht auf eine
Einzelperson, sondern auf eine Gruppe wohlhabender Besitzer
schließen, die möglicher
Weise ihr Eigentum vor der Steuer- und Erpressungslast der Besatzer
bewahren
wollten. Diese Überlegung vertritt auch Andrea Popp, die
Archäologin, die den
Fund 1995 ausgegraben hat. Allerdings stellt sich die Frage, warum
keine dieser
Personen das Versteck in der Folgezeit aufgesucht und geräumt
hat.
Aus dieser Tatsache resultiert die
Theorie, dass es sich bei
dem Hort um Diebesgut handeln könnte. Vielleicht haben der
Dieb oder die Diebe
ihre Beute, die sie in den Kriegswirren über Monate
„gesammelt“ haben, zur
späteren Abholung verborgen.
Die Gründe warum der
letztlich sorgfältig versteckte Schatz
nicht mehr von seinem Bewahrer geborgen wurde, werden wohl nie ganz
geklärt
werden können. Ob Vertreibung, Tod durch die Pest bzw.
Kriegshandlungen oder andere
Gründe eine Rolle spielten, lässt sich heute nicht
mehr ermitteln.
Was die Frage des heute
rechtmäßigen Besitzers angeht, so
regelt heute das Denkmalschutzgesetz des Landes Mecklenburg-Vorpommern
Denkmalschutz und Denkmalpflege als Aufgabe des Landes, der Landkreise
und
Gemeinden.
Fachbehörde ist das
Landesamt für Kultur und Denkmalpflege
in Schwerin. Im Gesetz ist auch die Frage des Eigentum geregelt:
„Bewegliche
Denkmale, die herrenlos sind oder die solange verborgen gewesen sind,
dass ihr
Eigentümer nicht mehr zu ermitteln ist, werden mit der
Entdeckung Eigentum des
Landes, wenn sie bei staatlichen Nachforschungen oder in
Grabungsschutzgebieten
[...] entdeckt werden oder wenn sie einen hervorragenden
wissenschaftlichen
Wert haben.“. Der Schatz ist also Eigentum des Landes
Mecklenburg-Vorpommern. 
Ausstellung im Museum Welchen
Wert hat(te) der Schatz?
Diese häufig gestellte Frage
ist nicht mit wenigen Worten
sinnvoll zu beantworten.
Einerseits besteht der Hortfund aus
einer Ansammlung
verschiedener Münzen und Währungen. Wenn man diese
zusammen- bzw. umrechnet,
kommt man zu dem Ergebnis, dass allein die Münzen des Schatzes
einen Gesamtwert
von etwa 270 Talern hatten. Einen genaueren Wert festzulegen, ist kaum
möglich
und wenig sinnvoll. Es gab zu viele regionale Unterschiede und
Veränderungen,
so dass auch für ihre Kaufkraft nur Schätzwerte
für bestimmte Bereiche des
Handelswesens und Alltags gemacht werden können.
Hier
einige Beispiele: Vergleicht man
die Löhne verschiedener
Handwerksberufe mit heutigen, so hatte ein Taler etwa einen Wert von
100 Euro. Der
Rektor der Pasewalker Schule bekam 1581 34
Taler Gehalt plus Naturalien. 1581
bekam der Anklamer Henker 1 Taler für das
Hängen eines Verurteilten
(selbstverständlich vom Verurteilten im Voraus zu
zahlen). Vergleicht
man die Kaufkraft im Bezug auf Waren,
die wir heute noch kennen und die ähnlich auf dem Marktplatz
einer mittelgroßen
Hansestadt wie Anklam angeboten wurden, hatte der Taler eine Kaufkraft
von
vielleicht 10 Euro. 1569
mussten zwei Trunkenbolde eine Strafe von
16 Taler aufbringen, wegen einer Beleidigung (offenbar wurden
Beleidigungen (mit
direktem Nutzen für die Stadtkasse) in Anklam sehr viel
strenger geahndet als heute. In
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum Beginn des 30-jährigen Krieges
mussten 5 zu Anklam gehörende Gemeinden jährlich
zusammen 140Taler Landpacht
plus Naturalien an die Stadt abgeben. Damit
ist der Schatz größer als die finanzielle Steuerlast
von mehreren Gemeinden. Im
ländlichen Raum spielte zudem der Umgang mit Geld eine
untergeordnetere Rolle.
Naturalien (Milch, Brot, Fleisch, Eier, Brennholz,...) dienten
häufig direkt
zur Bezahlung.
Warum aber konnte man überhaupt mit Münzen
aus verschiedensten Ländern
Europas und darüber hinaus in Anklam bezahlen?
Der Grund ist, dass der Nennwert der
Münzen zunächst ihrem
tatsächlichen Silberwert entsprach. Dieser bietet nun eine
tatsächliche
Möglichkeit der Umrechnung: Die Feinunze Silber (1 Taler)
kostet heute etwa 17
US-$. Der Wert des Silbers allein aus dem Münzfund
beläuft sich also auf etwa
3000 Euro, abhängig vom aktuellen Marktpreis.
Nicht mit diesem zu vergleichen ist
natürlich der
historische Wert. Münzen sind keine Unikate, sondern in
großer Stückzahl in
Umlauf gebracht worden. Dubletten einzelner Münzen aus dem
Münzschatz sind deshalb
heute im Münzhandel für einige 10 oder auch einige
1000 EUR zu erwerben.
Der eigentliche, der museale Wert des
Schatzes aber besteht
in seinem Fundzusammenhang, in seiner Bedeutung für die
Forschung und als einmaliges
Kulturgut und ist selbstverständlich in heutiger
Währung nicht zu ermessen.
ein
Taler unter vielen: Der heilige Rupert
Die
Prägungen auf dem Taler
wurden nicht zufällig gewählt.
Herrscher mit eigenem Familienwappen, Heilige oder bedeutende
Persönlichkeiten
sind Motiv der Münzprägungen. Eine schöne
Münze des Hortfundes ist die Prägung
des heiligen Rupert. Kaum ein anderer Heiliger ist im
südostbayerischen Raum
derart im Gedächtnis der Menschen verwurzelt, wie der
erste Abt und Bischof
von St. Peter zu Salzburg. Der Heilige Rupert wurde im
7. Jahrhundert als
Missionar nach Bayern gesandt. Bis zu dieser Missionsreise war er
Bischof von
Worms. 696 kam er nach Salzburg, wo er noch im gleichen Jahr das
älteste
Kloster Österreichs, St. Peter gründete. Neben St.
Peter gründete der Bischof
auch die älteste deutsche Benediktinerinnenabtei, das Kloster
auf dem Nonnberg.
Der Bayernherzog schenkte dem Bischof zur Unterstützung auch
die Salzquellen
von Reichenhall. Rupert versuchte die reichen Salzvorkommen
erschließen zu
lassen, um die ökonomische Situation der Bevölkerung
zu verbessern. Nach diesem
Salz wurde auch die Befestigung auf dem Nonnberg und später
die gesamte
Siedlung benannt - Salzburg. Darum wird der Hl. Rupert auch oft als
Gründer
Salzburgs bezeichnet.
Die Anklamer Kontermünzen
Als Kontermarke
bezeichnet man
Markierungen, welche mit
einem Stempel auf eine Münze geschlagen wurden, meist als
Wappen, Zahlen oder
Buchstaben. Solche Gegen-stempelungen konnte eine Auf- oder Abwertung
bzw. die
Anerkennung des Wertes belegen. Im Mittelalter wurden dadurch fremde
Geldsorten
anerkannt oder ihr Umlaufwert festgelegt. Die Anklamer Kontermarken
zeigen einen
Teil des Anklamer Wappens, den Dreistrahl, mit dem die Werthaltigkeit
fremder
Münzen in der Zeit der Geldentwertung (Kipper- und
Wipperzeit)festgestellt
wurde.
Die Stadt Anklam erhielt 1325 das
Recht eigene Münzen zu
prägen. 1428 schließen die Herzöge Kasimir
V., Wartislaw IX. und Barnim VII.
mit Stralsund, Stettin, Greifswald, Anklam und Demmin einen Vertrag
über
Münzprägung. Der Münzatz
befindet sich als Dauerleihgabe des
Landesamtes für Kultur
und Denkmalpflege in der ständigen Ausstellung des Museums. Die Ausstellung wurde durch
das Land Mecklenburg-Vorpommern gefördert.
|